
Am 6. Oktober 2010 eröffnet im Ludwig Museum Budapest die umfangreiche Retrospektive Martin Munkacsi - Think while you shoot. Als Eröffnungsausstellung des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen von F.C. Gundlach 2005 kuratiert, hat die Schau bereits eine beeindruckende Reise hinter sich: auf Hamburg folgte der Martin-Gropius-Bau Berlin, das International Center for Photography New York, das Museum of Modern Art San Francisco und das Moscow House of Photography. Nun kehrt das Werk des ungarischen Fotografen erstmals in seine Heimatstadt zurück und damit an den Ort, wo die Karriere Martin Munkacsi begann.
„Ich muss sagen: Es war diese Photographie, die für mich der Funke war, der das Feuerwerk abbrennen ließ. [...] Plötzlich begriff ich, dass es der Photographie möglich ist, die Ewigkeit zu erreichen – durch den Moment. Es ist die einzige Photographie, die mich beeinflusst hat. In diesem Bild ist eine solche Intensität, eine solche Lebensfreude, ein solches Wunder, dass ich noch heute von ihm fasziniert bin.“
Bei dem Verfasser dieser Worte handelt sich um niemand geringeren als Henri Cartier-Bresson, den Doyen der Fotografie und Mitbegründer der Foto-Agentur Magnum. Wer die Fotografie kennt, die Cartier-Bresson hier vor Augen steht, wird ihm nur beipflichten können. Es handelt sich um die 1930 entstandene Aufnahme von drei Knaben, die ausgelassen und übermütig in die Brandung des Tanganyika-Sees laufen. Man möchte sagen: Eine perfekt komponierte Ode an die Lebensfreude.
Der Mann, dem Cartier-Bresson so überschwänglich seinen Respekt zollt, ist Martin Munkacsi (1896–1963). Auch er hat die Gipfel des Ruhms erklommen, doch sein Werk geriet durch unglückliche Umstände weitgehend in Vergessenheit. Martin Munkacsi zählt unbestritten zu den wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Geboren in Ungarn hat er die Anfänge des modernen Fotojournalismus geprägt und das bis dahin statische Medium in Bewegung versetzt. Er verband journalistische Genauigkeit mit einem hohen ästhetischen Anspruch. Seine Modefotos waren bahnbrechend, als Reportage- und Sportfotograf bleibt er unerreicht. In dieser Ausstellung finden seine Fotografien in noch nie da gewesenem Umfang wieder zusammen. Zu sehen sind Bilder aus allen Schaffensphasen, darunter zahlreiche seit ihrem Erscheinen in Illustrierten nie wieder veröffentlichte Fotografien und Reportagen.
In Martin Munkacsis Werk spiegelt sich eine spannungsvolle, technik-versessene, glamouröse und widersprüchliche Epoche.
„Think while you shoot!“ – Für das Modemagazin Harper’s Bazaar fasste er 1935 mit diesen Worten sein fotografisches Credo zusammen. Die vier Wörter charakterisieren seine Arbeitsweise auf das Vortrefflichste: Spontan, ungezwungen, dynamisch wirken seine Aufnahmen. Sie sind Zeugnis einer Gabe, die Munkacsi wie wenige andere Fotografen auszeichnet: das intuitive Begreifen des Augenblicks. In Windeseile gelang es ihm, Bewegungen abzuschätzen, vorübergehende Arrangements zu erspüren, um im rechten Moment am rechten Ort zu sein und auf den Auslöser zu drücken. Sein Arbeitsstil war von hoher Effizienz. Anders als bei vielen anderen Fotografen existieren bei ihm vom gleichen Motiv nicht unzählige Varianten, sondern eine ungeheure Konzentration der Aufmerksamkeit gestattete es ihm, fast immer mit wenigen Belichtungen publikationsreif zu arbeiten.
Schon seine frühen Arbeiten für die ungarische Zeitung Pesti Napló lassen sein Gespür für Dynamik erkennen, auch wenn seine Handschrift noch einige Jahre braucht, um sich zu entwickeln. Bald wird dem jungen Mann Budapest zu eng und er verlässt Ungarn 1928 in Richtung Berlin, der quirligen europäischen Metropole, Inbegriff der „Roaring Twenties“. Der vor Selbstbewusstsein strotzende Munkacsi hat die Fortune des Autodidakten: Der Ullstein Verlag mit dem seinerzeit auflagenstärksten Bilderblatt der Welt, der Berliner Illustrirten Zeitung, macht ihn zu seinem Chef-Fotografen. Munkacsis Berliner Zeit (1928–1934), in der er auf hohem Niveau arbeiten und publizieren und so seine Kunstfertigkeit in allen Bereichen der Fotografie perfektionieren konnte, vom Sport über die Mode (er fotografiert auch für Die Dame und Uhu) und Ereignisse des Zeitgeschehens bis hin zu Alltagsszenen, hat ihn zu jener Meisterschaft reifen lassen, die es heute wieder zu entdecken gilt. Bereits 1929 wird Munkacsi in die erste Riege der bedeutendsten Fotografen der Zeit eingereiht: In dem im Uhu erschienenen Artikel „Eine neue Künstler-Gilde. Der Fotograf erobert Neuland“ werden auf acht Seiten neben Munkacsi die Kollegen E. O. Hoppé, Sasha Stone, James Abbe, Albert Renger-Patzsch, André Kertesz, Erich Salomon und László Moholy-Nagy mit jeweils einer beispielhaften Fotografie vorgestellt. Munkacsis „virtuose Begabung für überraschende und schwierige Momentaufnahmen“ wird hier besonders hervorgehoben.
Die internationale Strahlkraft der Berliner Illustrirten Zeitung war groß – und die ihres Star-Fotografen war es nicht minder. Edward Steichen, damals Chef-Fotograf der Vogue, wird auf ihn aufmerksam, und auch Carmel Snow, die Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, die seit Anfang der dreißiger Jahre einen Relaunch dieses Magazins betrieb, fahndete ständig nach neuen Talenten. Als sie erfährt, dass sich Munkacsi im November 1933 im Auftrag der Berliner Illustrirten Zeitung für einige Tage in New York aufhält, bittet sie ihn sofort, eine bereits produzierte Modestrecke für Harper’s Bazaar neu aufzunehmen. Am Strand von Long Island fotografiert Munkacsi die Modelle in Badeanzügen laufend, rennend und springend. „This was never done before“, so Snow in ihren Erinnerungen. Diese Aufnahmen werden in der Dezember-Ausgabe veröffentlicht und schreiben Fotografiegeschichte. Carmel Snow bietet Munkacsi sofort an, fest für Harper’s Bazaar zu arbeiten, aber dieser entscheidet sich für die Rückkehr nach Deutschland, da er zu diesem Zeitpunkt noch glaubt, im Ullstein Verlag die bedeutenderen Publikationsmöglichkeiten zu haben.
1933 – Wendepunkt, Beginn des Untergangs. Das quirlig-avantgardistische Berlin regrediert unter den Nationalsozialisten zum Aufmarschplatz für SA und SS. Auch Munkacsi bekommt den sich verschärfenden Druck auf die Juden zu spüren, der Ullstein Verlag wird „arisiert“, der jüdische Chefredakteur Kurt Korff und der Verlagsdirektor Kurt Safranski werden entlassen. Im Mai 1934 verlässt auch Munkacsi wie viele Redakteure und Fotografen des Ullstein Verlags Deutschland, um sich in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Dort wird er mit vielen Publikationen bei Harper’s Bazaar, Life und Ladies’ Home Journal den Zenit seines Ruhms erreichen. Aber auch aus großer Fallhöhe abstürzen.
Als Munkacsi 1963 starb, erinnerte Avedon sich daran, viele Jahre zuvor fasziniert einem Fotografen in der 59th Street in New York bei der Arbeit zugesehen zu haben. Es war, wie sich später herausstellte, Martin Munkacsi:
„It was my first lesson in photography, and there were many lessons after, all learned from Munkacsi, though I never met him. He brought a taste for happiness and honesty and a love of women to what was, before him, a joyless, lying art. He was the first. He did it first, and today the world of what is called fashion is peopled with Munkacsi’s babies, his heirs.“